Natürlich auf Nummer Sicher

Allgemein / Gesundheit / Krankheiten / Lust / Verhütung
Kalender

Im letzten Artikel ging es um die Libido und deren Existenz oder Nicht-Existenz. Als einer von vielen Gründen für ihr mysteriöses Verschwinden, selbst bei jungen Wilden, kam die Einnahme von Hormonen zur Empfängnisverhütung zur Sprache. Aber wie können wir verhüten, ohne das Risiko einzugehen, dann ohnehin keine Lust mehr auf Sex zu haben?

Es ist leider so, dass die Verhütung meist an den Frauen hängen bleibt. Männer haben nach derzeitigem Forschungsstand nur wenige Möglichkeiten, sich produktiv (oder sollte ich eher sagen unproduktiv?) einzubringen. Wenn sie nicht sowieso zeugungsunfähig (Tendenz steigend) sind, bleibt ihnen nur das Kondom (Pearl-Index ≥2) oder gleich das für viele doch zu radikale aber entsprechend sichere operative Abklemmen der Samenstränge (Pearl-Index ≥0,1). Frauen hingegen haben die Qual der Wahl zwischen den sichersten Verhütungsmitteln. Der Pearl-Index liegt bei optimaler Anwendung beispielsweise unter 1 für folgende Verhütungsmethoden: Pille (davon gibt es allein schon 7 verschiedene Arten), Dreimonatsspritze, Hormonimplantat, Spirale, Vaginalring, Hormonpflaster. Ihr seht, dass sogut wie alle dieser Methoden mit Hilfe von Hormonen wirken, also einen Eingriff in natürliche Körperfunktionen bedeuten und für manche unangenehme oder sogar lebensbedrohliche Nebenwirkungen haben können.

Ich richte mich mit diesem Text an Frauen und Männer, die in einer festen Partnerschaft sind und voneinander wissen, dass weder der Eine noch der Andere Träger irgendeines sexuell übertragbaren Virus ist! Paare also, bei denen es rein um die Empfängnisverhütung geht. Denn allen anderen möchte ich nur raten: macht’s bitte grundsätzlich mit Gummi!

Frauen haben ja grundsätzlich sowieso die ganze Arbeit, wenn sie auf keinen Fall schwanger werden möchten. Ich will mich nicht weiter über diese Ungerechtigkeit ärgern. Stattdessen möchte ich den Frauen und interessierten Männern hier eine Methode vorstellen, die laut Pearl-Index bei gewissenhafter Durchführung so sicher sein kann, wie – wer hätte das gedacht – die Pille: die symptothermale Methode (auch NFP = Natürliche Familienplanung).

Wie funktioniert’s?
NFP sieht auf den ersten Blick ganz schön kompliziert und zeitaufwendig aus. Hat man sich erst einmal darauf eingelassen, es einige Monate durchgezogen und sich daran gewöhnt, wird sich aber schon eine gewisse Routine einstellen, wie das allabendliche Zähneputzen.
Es handelt sich bei dieser Methode keinesfalls um solche Dummheiten wie den Coitus Interruptus oder die Kalendermethode (Knaus-Ogino)! Auf beide sollte man sich lieber nicht verlassen, es sei denn man möchte schwanger werden oder den Spaß am Sex verlieren…
Die symptothermale Methode verbindet zwei einzeln entwickelte „natürliche“ Verhütungsmethoden: nämlich die Temperaturmethode mit der Zervixschleim-Beobachtung, auch Billings-Methode genannt.
Tägliches morgendliches Temperaturmessen (denn diese erhöht sich um den Zeitpunkt des Eisprungs) und die Beobachtung des Zervixschleims (Farbe und Konsistenz ändern sich) sowie eine genaue Buchführung über beides sind für diese Methode notwendig, wenn ihr ganz sicher gehen möchtet. Man kann eine Kurve erstellen und nach einigen Monaten ist deutlich, wann die fruchtbaren und wann die unfruchtbaren Tage im Zyklus sind.
Der Rest ist ganz einfach: während der unfruchtbaren Tage keinen Gedanken an Verhütung verlieren und während der fruchtbaren Tage (das bedeutet auch einige Tage vor dem vermutlichen Eisprung, denn ihr wisst ja, ganz fixe Spermien überleben mehrere Tage in der kuscheligen Vagina und im Uterus) ein Kondom oder eine andere präferierte Barrieremethode benutzen. Oder es einfach die paar Tage sein lassen, das wäre dann am Allersichersten…

Für wen eignet sich’s?
Sicher ist die symptothermale Methode nichts für jeden. Als Erstes sollte man keine Berührungsängste mit seiner Vagina und seinen Körperflüssigkeiten haben, denn schließlich muss man irgendwie an den Zervixschleim gelangen, um ihn sich ansehen zu können. Auch ein regelmäßiger Zyklus und Lebensrhythmus sind nicht schlecht, um die Selbstbeobachtung so optimal wie möglich anwenden zu können. Es ist zwar kein Muss, aber von Vorteil, wenn man möglichst zur selben Zeit aufsteht und zu Hause schläft, um sein Thermometer und die Aufzeichnungen zur Hand zu haben.
Doch als Single, der gern auf Tour ist und am Abend noch nicht weiß wo er morgen aufwachen wird, würde ich mich dann doch vorsichtshalber für ein Mittelchen entscheiden…

Fazit
Während die streng eingehaltene Temperaturmethode allein bereits einen sehr niedrigen Pearl-Index von 0,8 hat, steigt die Sicherheit bei einer Kombination dieser mit der Billings-Methode auf einen Pearl-Index von 0,3, wie zum Beispiel optimalerweise bei der Hormonspritze. Durch Krankheiten wie Infekte o.ä. können sich jedoch bei der Temperaturaufzeichnung Fehler einschleichen oder der Zyklus sich verschieben. Dann sollte man für die folgenden Wochen lieber zusätzlich eine Barrieremethode wählen. Es bleibt dabei: auf den Körper und seine Signale achten!
Sie ist bestimmt nichts für jede Frau, aber Fakt ist: NFP ist bei optimaler Anwendung derzeit die einzige genauso sichere Alternative zu hormonellen Verhütungsmitteln. Sie hat den netten Nebeneffekt, dass Frauen sich mit ihrem Körper und dessen Funktionen auseinandersetzen und dabei die Chance haben, mehr über sich und ihren Zyklus zu lernen und so mehr im Einklang mit sich selbst zu sein. Es gibt keine Nebenwirkungen. Noch dazu ist die Methode günstig und umweltfreundlich. Die Kosten beschränken sich nämlich auf die einmalige Anschaffung eines Thermometers, ggf. einen Kalender oder Blätter für die Dokumentation und evtl. die gelegentliche Nutzung z.B. von Kondomen, um die sich dann auch gerne der Mann kümmern kann.
Aber denkt nicht, nur weil ihr euch einen Monat lang mal täglich euren Zervixschleim angeschaut habt, hättet ihr die Zyklus-Weisheit mit Löffeln gefressen! Ihr solltet das ganze erst einmal einige Monate durchziehen, bevor ihr euch entscheidet, ob ihr euch ganz auf die symptothermale Methode verlasst!

Glossar: Pearl-Index
Der Pearl-Index gibt an wie viele von 100 Frauen, die ein Jahr lang dieselbe Verhütungsmethode angewandt haben, in diesem Jahr schwanger werden. Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Deshalb sollte der Pearl-Index nur als Orientierungshilfe dienen, denn schließlich gibt es immer die Möglichkeit, Fehler bei der Verhütung zu machen und es gibt tatsächlich KEIN EINZIGES 100% sicheres Verhütungsmittel!

Wenn ihr keine Lust auf die Zettelflut habt oder vermeiden wollt, dass euer Kollege in eurem Kalender Informationen über euren Zervixschleim erhaschen könnte, gibt es im Internet Anbieter, bei denen ihr eure Ergebnisse eintragen und automatisch auswerten lassen könnt. Apps fürs Handy dürfen da natürlich auch nicht fehlen.

Ach ja, und übrigens: auch bei Kinderwunsch eignet sich diese Methode sehr gut für euer großes Vorhaben!

Du hast Erfahrung mit dieser Methode, kennst eine viel bessere oder willst einfach deine Meinung kundtun? Sag’s mir gern in einem Kommentar oder per Mail.


Alles Wissenswerte zur symptothermalen Methode und auch allen anderen Verhütungsfragen hier:
BZgA – Familienplanung