Mädchen oder Junge? Wieso nicht einfach Mensch?

Allgemein / Gesundheit
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Wenn man umgeben ist von Schwangeren oder Neu-Eltern oder beim Frauenarzt all die Zeitschriften für Junge Eltern durchblättert, dann ist das Geschlecht des Kindes allgegenwärtig. Es gibt zwar auch Menschen, die sich bei der Geburt überraschen lassen, doch viele der werdenden Eltern lassen sich das vermutliche Geschlecht ihres Babys mitteilen, sobald es möglich ist. Freunde machen sich Gedanken, was sie schenken könnten. Ist das zu girlie für einen Jungen? oder Ist der Body mit dem Traktorendruck vielleicht nichts für ein Mädchen? Die werdenden Eltern selbst zerbrechen sich den Kopf über die Kinderzimmereinrichtung und die Wandfarbe. Sobald Freunde und Familie informiert werden, dass ein Kind auf dem Weg ist, wird neugierig gefragt: Was wird es denn?
Die binäre, heteronormative Kategorisierung in männlich und weiblich ist noch immer oder sogar wieder mehr verankert in unseren Hirnen (ich denke dabei gerade vor allem an das klischeegeladene neue rosa Glitzer-Überraschungs-Ei “für Mädchen”, in dem niedliche Feenfiguren oder Mini-Barbies zu finden sind…). Jungen muss dies gefallen, Mädchen stehen auf das – das ist so und nicht anders. Ein veraltetes heterosexuelles Konstrukt von geschlechtertypisch zuordenbaren Charakteristika wird sogar schon vor der Geburt kultiviert. Dabei gibt es heute – zumindest unter Erwachsenen – so viele Menschen, bei denen diese Grenzen verwischen, die Eindeutigkeit an Bedeutung verliert: Queer, Drag, Trans… Und es gibt noch eine Gruppe, deren Geschlecht von Geburt an nicht differenzierbar ist: die Intersexuellen.

Intersexuelle Menschen erscheinen meist wie eine Mischung aus den beiden uns geläufigen Geschlechtern männlich und weiblich. Sowohl primäre als auch sekundäre Geschlechtsmerkmale können von dieser Uneindeutigkeit betroffen sein. Es gibt viele verschiedene Arten, wie sich Intersexualität im und am Körper äußern kann: Vom Vollbart bei der vermeintlichen Frau bis hin zur Gebärmutter im vermeintlichen Mann.

Vielleicht freuen sich die Eltern dem Ultraschall zufolge auf einen Jungen, bei der Geburt wird dann allerdings zusätzlich zum kleinen Penis auch noch eine Vagina entdeckt. Was tun? Die Verzweiflung ist groß, schließlich scheint diese Möglichkeit so absurd, dass keiner – oft nicht mal der Mediziner zur Genüge – darauf vorbereitet ist. Außerdem hat man ja schon alle darüber informiert, dass man einen Jungen erwartet…
Häufig wird eine Besonderheit in der geschlechtlichen Entwicklung als Störung angesehen und damit pathologisiert. Ärzte legen ein aus medizinischer Sicht sinnvolles Geschlecht fest, an dem Eltern und Umfeld sich orientieren können und nach dem die Erziehung vollzogen werden soll. Damit ist es aber leider nicht getan. Denn man kann so früh noch nicht wissen, wie sich das Kind entwickeln wird. Das zu akzeptieren und das intersexuelle Kind sich selbstbestimmt entwickeln zu lassen – ob als Mädchen oder Junge, dazwischen wechselnd oder als keines von beidem –, fällt vielen Eltern schwer. Der unsichere Umgang mit dem Kind und die Tabuisierung bestimmten Verhaltens führt zu psychologischen Problemen des Intersexuellen.
Die Festlegung eines Geschlechts kann (und das kam früher noch wesentlich häufiger vor) sogar mit einer Operation zur “Geschlechtskorrektur” im Kindesalter einhergehen, welche eine Verminderung bzw. Zerstörung des sexuellen Empfindens riskiert und eine Dauermedikation mit Hormonpräparaten notwendig macht, deren Langzeitrisiken noch nicht ausreichend erforscht sind. Ein Mitbestimmungsrecht hat der intersexuelle Mensch hier nicht.

Man hat es nicht leicht mit einem intersexuellen Kind oder selbst als Intersexueller. Tatsächlich ist es nach deutschem Recht nicht zulässig, seinem Kind einen geschlechtsneutralen Namen zu geben. Man muss in diesem Fall einen zweiten Vornamen wählen, der zweifelsfrei männlich oder weiblich ist. Auch gibt es keine dritte Option für den Geschlechtseintrag, wie z.B. “inter” oder “divers”. Eine vollkommen selbstbestimmte Entwicklung des Kindes zu dem was es einmal sein möchte scheint also gar nicht möglich, auf dem Papier wird eines der zwei Geschlechter durch Namen und Kreuzchen festgelegt. Seit 2013 ist es aber wohl möglich, den Geschlechtseintrag in amtlichen Dokumenten weg zu lassen. Doch bedeutet dies wieder eine Sonderstellung. Alles, was nicht männlich oder weiblich ist und somit nicht ins binäre System passt, wird einfach gar nicht benannt. Ist das richtig?
Weiter geht es praktisch mit dem Toilettengang und der Umkleidewahl. Ständig steht der intersexuelle Mensch vor der Wahl: Damen oder Herren? Zwar gibt es in den hipsten Clubs und Bars der Großstädte bereits vereinzelt geschlechtsneutrale Toiletten, auf denen sich Frauen und Männer die Klinke in die Hand geben, doch ist das noch lange nicht die Regel. Ob die Motivation dahinter tatsächlich die Offenheit für Geschlechtervarianten ist oder ob man lediglich den unkomplizierten gemeinsamen Drogenkonsum und/oder schnellen Sex ermöglichen will!? Egal, zumindest stellt es den Intersexuellen nicht vor die ewige Wahl, ob er nun als Mann oder Frau auf die Toilette gehen möchte. Auch schon mal darüber nachgedacht? Man füllt bei jeglichen Fragebögen, Umfragen, Anmeldungen o.ä. ständig die Kästchen x männlich oder x weiblich aus. Was macht man, wenn man irgendwie beides ist oder sich wie keins von beidem fühlt, da die heteronormative Kategorisierung überhaupt nicht zum eigenen Selbstbild passt?

Als Embryonen sind wir alle zunächst weder männlich noch weiblich. Der Körperteil, der später mal zur Unterscheidung zwischen männlich und weiblich dienen soll, sieht bis in die 6. Schwangerschaftswoche gleich aus. Erst dann entwickeln sich die inneren Geschlechtsorgane und dementsprechend auch die äußeren. Und hier kann es eben zu verschiedensten Variationen kommen. Wieso gibt es diese enge Unterscheidung immer noch, wenn wir doch im Grunde alle von einem Gleichen abstammen? Wieso kann nicht eine dritte Option eingeführt werden oder, besser noch, ganz auf die Kategorisierung verzichtet werden, und zwar ausnahmslos? Schließlich ist nicht jeder männlich oder weiblich, aber eines sind wir alle ohne Ausnahme: Menschen!

Sehr gutes Erklär-Video zu Sexueller Vielfalt:

Außerdem sehenswert zum Thema Intersexualität:
Der argentinische Spielfilm XXY über eine als Mädchen aufgewachsene intersexuelle Person auf der Suche nach sich selbst. Den Trailer findet ihr hier.

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Zum Nachlesen:
Claire Ainsworth: Die Neudefinition des Geschlechts. In Spektrum März 2015.
Intersexuelle Menschen e.V. Bundesverband
Anja Tischer: Geschlecht. Dazwischen. In ZEIT Oktober 2014.
Interview mit Vanja zum Kampf für eine Dritte Option. In taz Januar 2015.

Mit Dank für das Titelbild: © Javier Mayoral