Voll- oder Teilglatze – Im Intimbereich ein Muss

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Stachelscham

Worauf Jungs am Anfang der Pubertät noch furchtbar stolz waren und sich zu Tode schämten, wenn sie nicht genug davon hatten, lässt die größeren Teenies und jungen Erwachsenen mittlerweile eher die Nase rümpfen als begeistert klatschen. Schambehaarung. Das Steckenpferd der Eitlen, Modebewussten, sexuell Aktiven… Einer der sichtbaren Beweise für unsere sexuelle Reife, für das Erwachsensein, will eine Großzahl Frauen sowie Männer bei sich sowie beim anderen Geschlecht eliminiert sehen. In Deutschland wird zu diesem Zweck vor allem zum Rasierer gegriffen, und dabei ist es egal um welche Körperregion es gerade geht. Denn Männer wollen oder sollen neben ihrem Bart auch unbedingt das Brusthaar stutzen, und den Sack ja sowieso. An Frauen lässt sowieso seit einigen Jahrzehnten keiner mehr ein gutes Haar. Ob Achseln, Beine, Arme, Vulva oder Pofalte – bitte nur haarlos… Sie nutzen häufiger als Männer Alternativen zur Enthaarung, wie z.B. den Epilierer oder die Depiladora ihres Vertrauens. Das mag an der Beschaffenheit der Haare liegen, die weg sollen (denn die der Männer sind für gewöhnlich dicker und länger), aber sicherlich auch an der Schmerzbereitschaft für’s “dem Ideal entsprechend schön sein”. Aber wieso eigentlich dieses Ideal? Wieso wollen so viele kein Härchen unterm Höschen der Frau entdecken und woher kommt es, dass Schambehaarung beim Mann weder als maskulin noch sexy bejubelt wird?

Es gibt mehrere Erklärungsversuche dafür, woher dieses Ideal stammt.

Die Enthaarung des Mannes war anfangs besonders in der Schwulenszene weit verbreitet. Vielleicht hatte es zum einen mit bestimmten Sexpraktiken zu tun, bei denen viel Öl oder andere (Körper-)Flüssigkeiten zum Einsatz kamen. Auf glatter Haut lässt es sich eben besser gleiten… Die Beseitigung des Schamhaars stellt zum Anderen sicher, dass der Penis im Mittelpunkt “steht”, er ist gut sichtbar, erreichbar, und wirkt größer. Der Penis als Objekt der Begierde für den schwulen Mann stach haarlos einfach besser ins Auge. Diese Punkte lassen sich im Grunde auch auf den Hetero-Mann übertragen. Die Größe und die Präsenz. Wahrscheinlich hat sich Oralsex bei Heteros auch weiter verbreitet. Männer lassen sich gerne die Hoden lecken. Sie enthaaren ihren Sack zum Einen um der Frau zu gefallen, zum Anderen weil das Gefühl intensiver ist.

Eine weitere Herkunft wären die USA, insbesondere die dortige Porno-Industrie. In den 80ern und 90ern hatte diese nämlich ihren Durchbruch. Die Ansprüche änderten sich, man wollte höher schneller weiter… Und man wollte vor allem einen tieferen Einblick. Nahaufnahmen von Genitalien beim Oralsex, beim Analsex, beim Sex… Es wurde einfach alles bis ins kleinste Detail gezeigt. Und damit man auch wirklich freie Sicht auf das Geschehen haben konnte, mussten die Haare ab. Zuerst bei der Frau, in die die Linse nun mal auch hineinschauen können muss. Und dann auch beim Mann, damit man auch ja kein Haar mehr vor der Kamera hat und, na klar, weil der freistehende Pimmel viel mächtiger wirkt. Durch die leichte Zugänglichkeit von Porno verbreitete sich dieses Idealbild, das zunächst eigentlich nur dem besseren Einblick des Voyeurs dienen sollte, und wird weiterhin gehalten.

Die Praxis des Enthaarens aller Körperregionen, insbesondere bei der Frau, und das wachsende Interesse an der Alternative zum Rasieren – dem Waxing und Sugaring – könnte von der hohen Zahl in Deutschland lebender türkischstämmiger Menschen herüber geschwappt sein. Viele der Kosmetikstudios, die Sugaring anbieten, sind in türkischer Hand. Im Islam schreibt eine außerkoranische Lehre die regelmäßige Enthaarung bestimmter Körperregionen, darunter auch des Intimbereichs, vor. Teilweise werden unter dem Motiv der Reinheit erstmals dem jugendlichen Mädchen, wahrscheinlich wenn es beginnt zu menstruieren, im Rahmen eines Initiationsritus (Übergang zum Erwachsensein) jegliche Körperhaare mit einer Zuckerpaste (Halawa) entfernt. Diese Praxis werden die meisten danach fortführen. Bestimmt stammen diese religiösen Rituale aus einer Zeit, in der die Hygiene noch nicht so einwandfrei funktionierte wie heute bei uns. Jegliche, und insbesondere die Schamhaar-Entfernung aus hygienischen Gründen ist rein objektiv nicht nötig, da wir fließendes Wasser und Seife haben.

Ab den 80ern setzte sich in Brasilien die Enthaarungsmethode des Komplett-Waxing durch. Aufgrund der String-Mode, den immer knapper werdenden Bikinis und des Körperkults mussten mehr Haare dauerhaft entfernt werden. Für Frauen mit stärkerer und dunklerer Körperbehaarung macht eine Rasur nicht viel her, da muss schon zu härteren Mitteln gegriffen werden, z.B. zur Haarentfernung samt Haarwurzel. Die Methode breitete sich zuerst in die USA und dann nach Europa aus. Porno-Industrie, Hollywood-Schauspieler und Fernsehserien trugen ihren Teil dazu bei, auch hier die Menschen neugierig auf eine Vulva, glatt wie ein Baby-Popo zu machen.

Zurück zum Rasieren, was ja wohl die Mehrzahl der Deutschen betreibt: Das andauernde Schwingen der Klinge – denn seien wir mal ehrlich, mit einem Mal pro Woche ist es nicht getan, da muss man schon täglich ran, wenn’s beim Sex nicht stacheln und im Alltag nicht jucken soll – fordert auch seine Opfer. Eingewachsene Härchen, die sich entzünden, zum Beispiel. Weil man das falsche Rasiergel verwendet (denn deine Muschi ist eben nicht das Gesicht deines Freundes oder deine Achselhöhle!) oder weil die Klinge vielleicht etwas abgenutzt ist, kommt es zu ständigen Hautreizungen der empfindlichen Haut rund um die Geschlechtsteile. Man schneidet sich oder fügt sich unabsichtlich kleine Wunden zu, die man kaum sehen kann. Beim Sex kann es dann viel leichter zur Infektion, z.B. mit Genitalwarzen kommen. Vielleicht ist die Zahl der Infektionen mit dieser Geschlechtskrankheit auch wegen des Rasierwahns so hoch? Um noch mal zum Thema Hygiene zurück zu kommen… Das scheint so also auch nicht ganz so gut zu funktionieren.

Viele argumentieren PRO Hollywood-Cut damit, dass der Oralsex ohne Haar viel einfacher und besser sei, das Gefühl sei intensiver, da die glatte, ungeschützte Haut sensibler sei. Es sei sauberer beim Sex. Ist das aber wirklich der einzige Grund, der einen dazu bewegt, sich die intimsten Regionen zu enthaaren oder enthaaren zu lassen? Wie ist es zu bewerten, wenn das Schamhaar, das uns eben wächst weil wir homo sapiens sind, uns peinlich ist? Wenn wir auf die Sauna verzichten, weil wir wissen, dass es da unten stoppelt oder gar wuchert? Wenn wir nach dem Sport nicht duschen gehen, weil wir schon über einen Monat nicht mehr beim Waxing waren? Das Schamhaar sollte einmal die Stelle bedecken, für die man sich schämte. Aber mittlerweile ist das Schamhaar eher das, wofür man sich schämt, oder? Und was, wenn unter dem Busch plötzlich etwas zum Vorschein kommt, was einem gar nicht gefällt? Was wäre der nächste Schritt? Was das kleinere Übel? Haar drüber wachsen lassen oder eine Schamlippenkorrektur?

Angeblich ist Natürlichkeit wieder im Kommen… Es würde zu den “careless ponytales”, Leggings und weiten T-Shirts passen, wenn Frauen sich wieder ihr Schamhaar stehen lassen würden. Bereits 2014 gab es mehrere freudige Artikel darüber, dass Kate Moss und Gwyneth Paltrow jetzt als Vorbilder für den “Full Bush” eintreten würden. Man muss aber auch klar sehen, dass die beiden nicht mehr die jüngsten sind. Ich glaube nicht, dass dieser Trend in naher Zukunft bis zu den jungen Erwachsenen vordringt, bin aber gespannt wie sich die Intimfrisurmode im Laufe der nächsten Jahre noch verändert.

Facts:
Auf der Website von Bravos Dr. Sommer Team kann man sich zwei Foto-Galerien ansehen. Die Penis-Galerie und die Vulva-Galerie. Früher ging es Bravo ja darum, den Jungs und Mädchen aufzuzeigen, dass die Geschlechtsteile ganz unterschiedlich aussehen können. Ich würde davon ausgehen, dass damit die Differenz von Größe, Form, Farbe, Behaarung, Beschneidung gemeint ist. Beim Durchklicken dieser Galerien fiel mir auf: Keine dunkelhäutigen, vor allem unbeschnittene und haarlose Penisse. Auch keine dunkelhäutigen, nur frisierte Vulvas, ein Hauch von Nichts oder ein winziger Schamhaarstreifen scheint bei den Mädchen am Verbreitetsten zu sein. Für repräsentativ halte ich diese Galerien absolut nicht.

Glossar: Genitalwarzen/Feigwarzen
Sie treten in Folge einer HPV (Human Papillom Virus)-Infektion auf, die durch Oral- oder Geschlechtsverkehr übertragen werden kann. HPV-Viren können auch bei der Geburt auf das Neugeborene übertragen werden. Es gibt mildere Formen des Virus, die relativ harmlos sind und sehr häufig bei sexuell aktiven Menschen in Deutschland vorkommen (ca. 70-80% stecken sich im Laufe ihres Lebens an). Es gibt allerdings auch schwerwiegendere Formen, die u.a. Gebärmutterhalskrebs und Analkarzinome hervorrufen können.
Hast du Bedenken, dir etwas eingefangen zu haben? Hier gibt es jede Menge Info: Gib Aids keine Chance.
Glossar: Hollywood-Cut
Alles ab per Waxing oder Sugaring. Bei dieser Frisur werden alle Haare im Intimbereich inklusive Pofalte entfernt.

Zum Thema hat Aglaja Stirn, Professorin für Psychosomatik geforscht und Brigitte ein Interview gegeben, das ihr hier nachlesen könnt.

Noch etwas hinzuzufügen? Eigene Erfahrungen mit Enthaarungstechniken gemacht? Oder folgst du schon dem brandneuen “Full Bush”-Trend? Schreib einen Kommentar oder eine Mail.


Nachgelesen hier:
Jungsheft, 10. Ausg.
Glamour: Haarfrei, gestutzt oder naturbelassen.
Paul-Philipp Hanske (Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 47/2013): Schamlos. Eine Mode wird zur Norm.
Roland Mischke (Stuttgarter Nachrichten): Es wuchert wieder wild im Schritt. 17.04.2014