Alt – aber (oder gerade deshalb) sexy!

Allgemein / Gesundheit / Lust
Foto: Make More Love (Ann-Marlene Henning)

Foto: Ann-Marlene Henning Make More Love

“Grundsätzlich endet das Sexualleben erst mit dem Tod.”
(dtv-Atlas der Sexualität, 2005)

Ein Leserartikel in der ZEIT hat mich inspiriert, das Thema einer meiner weit zurückliegenden Hausarbeiten aus dem Studium wieder aufzufrischen und noch einmal zu überdenken. Im Artikel erzählt Charlotte Klauber davon, wie sie erst in der zweiten Lebenshälfte (mit Ende 40) – nach der Scheidung und Menopause – ihre Sexualität so richtig auszuleben begann und was Sex in höherem Alter bedeutet.

Es ist gut, dass mittlerweile mehr über Sexualität von älteren Erwachsenen gesprochen wird. Nachdem zunächst Jugendliche und jüngere Erwachsene im Mittelpunkt des Diskurses standen, sind jetzt auch die Alten dran – und vor allem nicht nur im Bezug auf ihre physischen Unzulänglichkeiten, die ihre Sexualität beeinträchtigen! Sexualität wird schon längst nicht mehr mit Fertilität und Fortpflanzung gleichgesetzt betrachtet. Wieso also nicht das Sexleben von Älteren thematisieren?

Ann-Marlene Henning hat nach ihrem Aufklärungsbuch für Teenager in diesem Jahr (2014) eines für “junge Alte” herausgebracht (Make More Love), in dem alle Fragen rund um Sex ab Mitte 40 beantwortet werden sollen und in dem jede Menge ältere Menschen beim Sex gezeigt sind.

Viele der heute alten Leute sind ohne Aufklärung oder zumindest mit vielen Tabus aufgewachsen. Sex war in ihrer Kindheit häufig mit Ängsten und Verboten besetzt. Oft nahmen sie diese Ängste mit in ihre Ehe und mit ins Bett. Ihr Sexleben weiterzuentwickeln ist für diese Generation schwierig bis unmöglich. Man hat sich so kennengelernt. Die Scham, die Tabus, die Rollenverteilung – all das ist erlernt und hat sich in der Beziehung mit den Jahren so festgesetzt, dass davon Abstand zu nehmen und sich neu zu begegnen nur sehr wenigen Paaren gelingt.

Natürlich gibt es erschwerende Punkte, die mit dem Alter einfach kommen. Dazu gehört die eingeschränkte Beweglichkeit, eventuelle Inkontinenz, beim Mann dauert es vielleicht etwas länger und seine Erektion benötigt mehr Beachtung, die Frau braucht Hilfe mit der Feuchtigkeit… Doch damit umzugehen, Wege zu finden es sich mit Spaß und Lust leichter zu machen und sein Becken fit zu halten, kann man lernen. Darüber sprechen, sich gegenseitig Tipps geben und sich Hilfe suchen – das sollte sich jeder selbst erlauben.

Charlotte Klauber berichtet davon, dass sie sich nach ihrer Menopause gelöster und freier fühlte, da die Angst schwanger werden zu können passé war. In jüngeren Generationen dürfte diese ständige Angst nicht mehr so präsent sein wie in der Charlotte Klaubers, in der die fast zu 100% sichere Verhütungsmethode Pille noch nicht so weit verbreitet war und die Menschen generell viel weniger aufgeklärt waren. Die Menopause und die Trennung vom ersten Mann empfindet sie also als Befreiung: Mit neuen Partnern nach ihrer Scheidung entfaltet sich ihre Sexualität, sie lernt viel dazu, wird experimentierfreudiger, offener und vor allem selbstbestimmter.

Selbstbestimmtheit, zu wissen was man braucht und sich wünscht und dies auch zu äußern ist sehr wichtig beim Sex, egal in welchem Alter. Denn sonst bleibt auf Dauer die Befriedigung aus und damit auch der Mensch auf der Strecke. Frauen in der zweiten Lebenshälfte haben Lebenserfahrung und kennen ihren Wert und ihre Bedürfnisse oft besser als jüngere Frauen. Es ist also nachvollziehbar, dass viele auch noch nach der Menopause sehr guten oder sogar noch besseren Sex haben können, vorausgesetzt sie haben den Mut sich mitzuteilen!
Auch die Selbstliebe ist ein wichtiges Thema beim Sex im Alter: der eigene alternde Körper muss akzeptiert und schön gefunden werden. Dabei spielt auch der Partner eine große Rolle. Beide sollten sich gegenseitig signalisieren und am besten sagen wie angezogen sie sich voneinander fühlen.

Sex im Alter widmet sich vielleicht nicht mehr so stark Themen wie Leistung und Äußerlichkeiten. Dafür rücken weit wichtigere Aspekte von Sexualität in den Vordergrund, die ein Leben lang zu unseren Grundbedürfnissen gehören: Zärtlichkeit, Zuneigung und Nähe. Sex ist und bleibt auch Vitalität, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft…

Es wird sehr spannend, mitzuerleben wie unsere aufgeklärte und rund um die Uhr Sex thematisierende Generation mit ihrer Sexualität im Alter umgehen wird. Ich freue mich schon darauf!

Glossar: Menopause
Die Menopause bedeutet eine Hormonumstellung bei der Frau, die deren Fruchtbarkeit beendet.
Es ist ein Irrglaube, dass bei Frauen durch die sogenannten “Wechseljahre” Lust und Orgasmusfähigkeit nachlassen. Rein physiologisch besteht dafür kein Grund. Die hormonbedingte Veränderung des Scheidengewebes und vaginale Trockenheit können zwar zu Schmerzen beim Sex führen. Doch dies muss nicht automatisch ein Anlass für weniger Lust sein – es gibt ja noch das gute alte Gleitgel.

Schon gesehen? Ein wunderbarer Spielfilm über neue Liebe im Alter… Wolke 9

Außerdem sehenswert: Der Kurzfilm young hearts von Nadine Schrader und Julia Wilczok bei ZEIT.

Anderer Meinung, gleicher Meinung oder noch etwas hinzuzufügen? Immer her damit, gern in den Kommentaren oder per Mail.

2 Kommentare

  1. Pingback: Sex unter Singles | Kommt doch!

  2. Pingback: Stellungen – der Mut zum Ausprobieren (Teil 1) | Kommt doch!

Kommentare sind geschlossen.